Verbstämme
Aus vier Wörterbuchformen erschließt man alle Verbformen des Lateinischen. Diese Seite erklärt, welche Form wozu dient — und wie das Perfekt auf fünf verschiedene Weisen gebildet wird.
Nach dieser Seite können Sie …
- erklären, warum man vier Stammformen braucht
- Präsensstamm, Perfektstamm und Supinstamm aus dem Wörterbucheintrag herauslesen
- die fünf Perfektbildungstypen am Beispiel erkennen und benennen
- Fachbegriffe wie Supinstamm, Dehnungsperfekt, Reduplikationsperfekt und sigmatisches Perfekt erklären
Warum braucht man vier Stammformen?
Im Deutschen lässt sich die Vergangenheitsform aus dem Infinitiv ableiten: lieben → liebte. Im Lateinischen geht das nicht: amāre → amāvī — die Perfektform sieht völlig anders aus. Und für das passive Partizip (amātus) gibt es wieder einen neuen Stamm.
Deshalb nennt das Wörterbuch bei jedem Verb vierFormen, die sogenannten Stammformen:
amō · amāre · amāvī · amātum
Wer die Stammformen kennt, kann jede Verbform bilden. Wer sie nicht kennt, kann eine Verbform im Text zwar lesen, aber nicht sicher bestimmen.
Überblick: Stammformen → Stämme → Zeitformen
Die Grafik zeigt am Beispiel amāre, wie aus den vier Wörterbuchformen drei Stämme entstehen und welche Zeitformen jeweils aus welchem Stamm gebaut werden.
Die vier Stammformen und ihre Stämme
| Stammform | Fachname | Gewonnener Stamm | Beispiel | Wozu? |
|---|---|---|---|---|
| 1. Sg. Präsens | 1. Stammform | Präsensstamm (−ō) | amō → amā- | Präsens, Imperfekt, Futur I, Konjunktiv Präs./Imperf. |
| Infinitiv Präsens | 2. Stammform | Konjugationsklasse | amāre → a-Konjugation | Bestimmung der Verbklasse |
| 1. Sg. Perfekt | 3. Stammform | Perfektstamm (−ī) | amāvī → amāv- | Perfekt, Plusquamperfekt, Futur II Aktiv |
| PPP (Nom. Sg. m.) | 4. Stammform | Supinstamm (−um) | amātum → amāt- | PPP-Formen (Passiv Perf., Plusqpf., Fut. II) |
Was ist der Supinstamm? Das Wort „Supin" bezeichnet eine seltene lateinische Verbalform auf -um (z. B. amātum eo = „ich gehe um zu lieben"). Der Supinstamm ist der Stamm dieser Form: man entfernt einfach die Endung -um. Dieser Stamm liefert das PPP (Partizip Perfekt Passiv) in allen Formen: amāt-us, amāt-a, amāt-um — und damit alle zusammengesetzten Passivformen (amātus sum, amātus eram …). Im Alltag wird der Begriff oft kurz als „PPP-Stamm" erklärt.
Präsensstamm ablesen — kurze Regel
Den Präsensstamm gewinnt man, indem man die Infinitivendung abtrennt:
| Konjugationsklasse | Infinitiv | Abtrennregel | Präsensstamm |
|---|---|---|---|
| a-Konjugation | amāre | −re | amā- |
| e-Konjugation | monēre | −re | monē- |
| konsonantische Konj. | legere | −ere | leg- |
| i-Konjugation | audīre | −re | audī- |
| gemischte Konj. | capere | −ere | cap- |
Faustregel: Langer Infinitivvokal (-āre, -ēre, -īre) → nur -re abtrennen. Kurzes -ere (konsonantisch und gemischt) → -ere abtrennen.
Die fünf Wege zum Perfektstamm
Den Perfektstamm kann man nicht aus dem Präsensstamm ableiten — dafür gibt es keine allgemeine Regel. Das Lateinische kennt fünf verschiedene Bildungsweisen. Die 3. Stammform im Wörterbuch ist die einzige verlässliche Quelle; die Typen unten helfen beim Erkennen von Mustern.
1. v-Perfekt / uī-Perfekt
Was passiert? An den Präsensstamm wird das Perfektsuffix -v- oder -u- angehängt, dann folgt die Endung -ī. Dies ist der häufigste Perfekttyp — vor allem bei der a- und i-Konjugation.
Erkennungszeichen: Perfekt endet auf -āvī, -ēvī, -īvī (v-Typ) oder -uī (u-Typ).
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Sg. Perfekt |
|---|---|---|
| amāre | lieben | amāvī |
| audīre | hören | audīvī |
| monēre | mahnen | monuī |
| habēre | haben | habuī |
2. s-Perfekt (Sigmatisches Perfekt)
Was passiert? An den Präsensstamm wird -s- angehängt. Das griechische Wort für „s" lautet sigma — daher der Name sigmatisch. Trifft das -s auf bestimmte Stammkonsonanten, verschmelzen sie (Assimilation = Lautanpassung): c/g + s → x, b + s → ps.
Erkennungszeichen: Perfekt endet auf -xī oder -sī.
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Sg. Perfekt | Lautveränderung |
|---|---|---|---|
| dīcere | sagen | dīxī | c + s → x |
| mittere | schicken | mīsī | tt → s (+ Dehnung) |
| scrībere | schreiben | scrīpsī | b + s → ps |
| manēre | bleiben | mānsī | n + s → ns |
3. Dehnungsperfekt
Was passiert? Es wird kein Suffix angehängt. Stattdessen wird der Vokal des Präsensstamms gelängt (verlängert): ein kurzer Vokal wird lang. Dehnung bedeutet hier Vokalverlängerung. Man erkennt diesen Typ nur am langen Vokal im Perfekt gegenüber dem Präsens.
Erkennungszeichen: Stammvokal e → ē oder a → ē oder i → ī — ohne zusätzliches Suffix.
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Sg. Perfekt | Vokalwechsel |
|---|---|---|---|
| legere | lesen | lēgī | e → ē |
| capere | nehmen | cēpī | a → ē |
| venīre | kommen | vēnī | e → ē |
| agere | treiben | ēgī | a → ē |
4. Reduplikationsperfekt
Was passiert? Der Anlautkonsonant des Präsensstamms wird mit dem Vokal -e- vor den Stamm gesetzt — eine Art Echo des Anfangslauts. Diese Verdoppelung heißt Reduplikation (von lat. reduplicare = verdoppeln). Hört man de-d- oder cu-curr-, erkennt man sofort das Muster.
Erkennungszeichen: Perfekt beginnt mit einer Silbe aus Konsonant + e, gefolgt vom (verkürzten) Stamm.
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Sg. Perfekt | Reduplikation sichtbar |
|---|---|---|---|
| dare | geben | dedī | de-d- |
| stāre | stehen | stetī | ste-t- |
| currere | laufen | cucurrī | cu-curr- |
| cadere | fallen | cecidī | ce-cid- |
5. Stammidentisches Perfekt
Was passiert? Präsens- und Perfektstamm sind (nahezu) identisch — es gibt weder Suffix noch Vokalwechsel noch Verdoppelung. Der einzige Unterschied liegt in der Endung: Präsens -ō, Perfekt -ī. Diesen Typ nennt man stammidentisch, weil beide Stämme gleich sind.
Erkennungszeichen: Präsens und Perfekt unterscheiden sich nur durch die Endung (-ō vs. -ī). Im Wörterbuch sieht man: vertō, vertere, vertī.
| Infinitiv | Bedeutung | Präsens | Perfekt |
|---|---|---|---|
| vertere | wenden | vertō | vertī |
| solvere | lösen | solvō | solvī |
| bibere | trinken | bibō | bibī |
Schnellreferenz: Fünf Typen auf einen Blick
| Typ | Was passiert? | Erkennungszeichen | Beispiel |
|---|---|---|---|
| v/uī-Perfekt | Suffix -v- oder -u- angehängt | endet auf -āvī, -ēvī, -īvī oder -uī | amāvī, monuī |
| s-Perfekt | Suffix -s- angehängt (oft Lautverschmelzung) | endet auf -xī oder -sī | dīxī, mīsī |
| Dehnungsperfekt | Stammvokal gelängt, kein Suffix | langer Stammvokal (ē, ī) gegenüber kurzem im Präsens | lēgī, cēpī, vēnī |
| Reduplikationsperfekt | Anlautkonsonant + e vorangestellt | Silbe wiederholt sich am Wortanfang | dedī, stetī, cucurrī |
| Stammidentisches Perf. | Kein sichtbarer Unterschied zum Präsensstamm | Präsens und Perfekt fast identisch | vertō → vertī |
Wichtige unregelmäßige Stammformen — Lernliste
Diese Verben treten in Latinum-Texten besonders häufig auf. Ihre Stammformen folgen keinem der fünf Muster oder weichen stark vom Infinitiv ab — sie müssen auswendig gelernt werden.
| Infinitiv | Bedeutung | 1. Sg. Perf. | PPP | Hinweis |
|---|---|---|---|---|
| esse | sein | fuī | — | Hilfszeitverb; kein PPP |
| posse | können | potuī | — | Zusammensetzung aus pot- + esse |
| velle | wollen | voluī | — | Kein Imperativ; kein PPP |
| ferre | tragen, bringen | tulī | lātum | Stamm wechselt völlig: fer- / tul- / lāt- |
| fīerī | werden; geschehen | factus sum | factum | Passiv von facere; Perfekt mit esse |
| īre | gehen | iī / īvī | itum | Kurzstamm i-; häufig in Komposita (ab-īre, ex-īre) |
| facere | machen, tun | fēcī | factum | Dehnungsperfekt (a → ē) |
| vidēre | sehen | vīdī | vīsum | Dehnungsperfekt (i → ī) |
| vincere | siegen, besiegen | vīcī | victum | Dehnungsperfekt (i → ī) |
| ponere | setzen, stellen | posuī | positum | uī-Perfekt mit Stammveränderung (pon- → posu-) |
Tipp für die Prüfung: Diese Verben kommen in fast jedem Latinum-Text vor. Stammformen laut sprechen und schreiben — das Ohr merkt sich amō · amāre · amāvī · amātum schneller als das Auge.